Der schmale Grat zwischen Verweigerung und Widerstand

Deutsche Deserteure in der italienischen Resistenza

Über 100.000 deutsche Soldaten desertierten im Zweiten Weltkrieg. Gegen Deserteure, derer sie habhaft wurde, ging die Wehrmachtsjustiz mit erbarmungsloser Härte vor: 22.750 so genannte Fahnenflüchtige wurden zum Tode verurteilt. Viele wurden noch in den letzten Kriegstagen umgebracht.

Der Verfolgungswille gegen Deserteure hatte seine Grundlage auch im sozialdarwinistischen Bild vom Deserteur als ”Wehrmachtsschädling”. Einem Gesetzeskommentar des Marburger Militärstrafrechtlers Erich Schwinge zufolge, der später in der Bundesrepublik gegen die Rehabilitierung der Deserteure eintrat, bestünden ”Fahnenflüchtige zum größten Teile aus psychopathischen Minderwertigen”.
So wurde von Wehrmacht, SS und Zivilbevölkerung bis in die letzten Kriegstage Jagd auf Deserteure gemacht. In einem alliierten Kriegsgefangenenlager bei Amsterdam wurden noch am 13. Mai 1945 zwei Deserteure von ihren Kameraden hingerichtet.

Deserteure in Italien

Die Zahl der in Italien desertierten Soldaten hatte bereits im Sommer 1944 ein erhebliches Ausmaß erreicht. Laut einem Bericht der Geheimen Feldpolizei vom Juli 1944 desertierten in der Gegend von Civitella 721 Soldaten. Insgesamt finden sich zur Häufigkeit von Desertion in Italien nur vereinzelte Dokumente. Verlässliche Zahlenangaben zum Ausmaß der Beteiligung deutscher Deserteure auf Seiten der PartisanInnen gibt es überhaupt nicht.

Einer der bekannteren Deserteure in Italien dürfte der Schriftsteller Alfred Andersch sein, der sich im April 1944 von seiner Truppe absetzte und sich bei Rom von Partisanen festnehmen ließ. Über seine Entscheidung zu desertieren, seine Überlegungen und Ängste berichtet er in seinem Buch „Die Kirschen der Freiheit”, das zuerst 1952 erschien. Er gelangte nach seiner Desertion in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, kam in ein Camp für ”Considered Anti Nazis” und engagierte sich von dort aus gegen Nazideutschland.

Vom Deserteur zum Partisan

Battaglia  kam bei seiner Befragung ehemaliger PartisanInnen zu dem Schluss, “dass sich der Übergang von Deutschen in die Reihen der italienischen Widerstandsbewegung nicht auf Einzelfälle beschränkt, sondern ein bedeutendes Ausmaß erreicht” habe. „In allen Gegenden Norditaliens, ohne Ausnahme, ist die Anwesenheit von Deutschen in den Hauptverbänden der Partisanen (…) nachgewiesen.“ Der Partisan Alberto Qualierni erzählte Battaglia: “An ihre Namen erinnere ich mich nicht mehr. Was den Grund ihrer Desertion betrifft, so erinnere ich mich, dass sie, wenn sie überhaupt etwas sagen wollten, erzählten, dass die Trennung (…) oder das Zugrundegehen ihrer Familie unter den Bomben sie davon überzeugt hatte, dass dieser unerträgliche Zustand, dieser Krieg, (…) beendet werden müsse”.

Andere, wie der in Berlin geborene Aktivist der „gruppi di azione patriottica” (GAP) mit dem Kampfnamen Enz, kamen aus antifaschistischen Milieus. Enz, dessen Familie in deutschen Lagern ermordet worden war, geriet in die Fänge der SS, wo er zu Tode gefoltert wurde ohne die Stellungen der PartisanInnen verraten zu haben.

In La Spezia hatte sich der Kapitän zur See Rudolf Jacobs wegen der Massaker von deutschen Truppen zur Zusammenarbeit mit den PartisanInnen entschlossen. Bereits vor seinem Übertritt lieferte er Informationen. Im Spätsommer 1944 setzte er sich nahe Lerici ab, fiel aber schon am 3. November 1944 im Kampf gegen italienische Faschisten. Von der Gemeinde Sarzana wurde ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen, seine Geschichte wurde in Büchern und auf Symposien dokumentiert und der italienischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Deutschland ist Jacobs dagegen weit gehend unbekannt.

Heinz Riedt (Jahrgang 1919) fand seinen eigenen Weg, sich dem Dienst in der Wehrmacht zu entziehen. Er überzeugte einen Militärarzt davon, ihn dienstuntauglich zu schreiben. Danach ging Riedt an die Universität Padova. Er schloss sich der Giustizia e Libertà (Gl) nahe stehenden PartisanInnengruppe um Otello Pighin an und erhielt den Decknamen Marino. Er nahm nicht an Kampfhandlungen teil, sondern sammelte Informationen und bereitete den Austausch von Gefangenen vor, während er im Alltag weiter als Student auftrat. Die SS, die nach ihm fahndete, kannte nur seinen Decknamen.
Riedt bezeichnete sich 50 Jahre nach Kriegsende als einen anormalen Deutschen in dem Sinne, dass er kein Nationalist gewesen sei. Über seine Aktivitäten für die PartisanInnen macht er kein Aufhebens, betrachtet vielmehr sein Verhalten als selbstverständlich. Bekannt wurde Riedt durch die Übersetzung von Primo Levis Buch „Ist das ein Mensch?“. Levi berichtet darin wie er das Vernichtungslager Auschwitz überlebte. Levi war selbst in einer der Gl nahe stehenden PartisanInneneinheit aktiv gewesen als er verhaftet und deportiert wurde. 1995 hat Riedt in einem Interview in der italienischen Zeitung „La Stampa“ erstmals öffentlich über seine Zeit als Partisan gesprochen. In Deutschland jedoch, so musste Riedt erfahren, war es besser zu schweigen: “Sie rückten mir auf den Leib”. Diese Erfahrung teilte er mit vielen anderen deutschen Deserteuren und Widerstandskämpfern.

Dies führte dazu, dass Deserteure bis heute ihre Geschichten eher für sich behalten. Die einen wollen ihre Namen nicht preisgeben, andere erzählen nur widerstrebend und beiläufig ihre Erlebnisse. In einer kleinen Gemeinde im Piemont wissen zumindest die älteren EinwohnerInnen heute noch alle, dass Carlo (Name geändert, M. B.) aus der Wehrmacht desertiert ist. Als er auf PartisanInnen traf, schloss er sich diesen an. Von einer anderen PartisanInneneinheit wäre er beinahe erschossen worden. Eine Waffe wollte er nicht mehr anfassen: er half beim Küchendienst. Carlo blieb nach dem Krieg in Italien.

Hans Schmidt aus Berlin war Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend gewesen und 1935 für einige Monate im KZ Columbia bei Berlin inhaftiert. 1944 unterstand er als Funker der Luftwaffe in Albinea/Reggio Emilia. Schmidt hatte seit Monaten Kontakt zu den PartisanInnen. Gemeinsam mit Oddino Cattini plante er die Gründung einer PartisanInneneinheit, die deutsche Deserteure aufnehmen sollte. Schmidt wollte den PartisanInnen die Funkanlage übergeben und zwei Luftwaffenoffiziere ausliefern, die verbrecherische Befehle gegeben hatten. Andere Wehrmachtsangehörige – Erwin Bucher, Erwin Schlunder, Karl-Heinz Schreyer und Martin Koch – unterstützen ihn. Die Aktion war bereits angelaufen, als ein alliiertes Flugzeug Leuchtfeuer abwarf und in der Stellung Alarm auslöste. So flog alles auf. Schmidt wurde am darauf folgenden Tag in die Kommandantur bestellt. Als man ihn dort festnehmen wollte, leistete er Widerstand und wurde erschossen. Bucher wurde auf der Flucht erschossen, die drei anderen hingerichtet. Schmidt ist heute Ehrenbürger der Gemeinde Albinea.

Zwischen Verweigerung und Widerstand

Man kann nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Deserteure mit gefestigtem Widerstandswillen repräsentativ sind. Fernando Cavazzini, Kampfname Toni, war Partisan im Emilianischen Apennin. Auch in seiner Einheit gab es Deserteure: “Diejenigen, die bei uns waren, waren alles ehemalige Wehrmachtsoldaten, keine überzeugten Nazis. Leute, die keine Lust auf den Krieg hatten. Das war auch der Grund, weshalb sie bei uns zum großen Teil nicht an bewaffneten Aktionen gegen deutsche Wehrmachtseinheiten teilnehmen wollten. Sie kannten die Leute, bis vor kurzem waren das ihre Kollegen gewesen und sie wollten sich da raushalten. Sie haben zwar bei uns mitgearbeitet, waren wichtige Unterstützer, aber wollten an den direkten bewaffneten Aktionen oft nicht teilnehmen. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn wir irgendwelche besonderen Nazieinheiten hätten angreifen müssen.”

Viele Deserteure wurden von den PartisanInnen auf die andere Seite der Front geschleust, wo sie sich in alliierte Kriegsgefangenschaft begaben. Stafetten wiesen den Deserteuren den Weg. Manchmal leisteten die PartisanInnen auch aktive Hilfe zur Desertion. Deserteure wurden durch Agitation von antifaschistischen Kräften in den eigenen Reihen, aus der Resistenza oder von den Alliierten in ihren Entscheidungen beeinflusst; zum Teil spielten die Faszination des Landes, Kenntnis der Sprache, Kontakte zu einheimischen Männern und Frauen oder Kontakte zu PartisanInnen eine wichtige Rolle. Ob die Entscheidung zur Desertion nun als Akt des Widerstandes, aus Einsicht in die Sinnlosigkeit oder gar den verbrecherischen Charakter des deutschen Vernichtungskrieges gefällt wurde oder aus eher individuellen Motiven, erscheint von zweitrangiger Bedeutung. Jeder, der sich dem Unrecht dieses Krieges verweigerte, verdient auf seine Art Anerkennung.

Zweckorientierte Kriegsinterpretationen und verklärende Kriegserinnerungen führten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu einer Ächtung der Deserteure. Ihren Witwen wurden bis in die 90er Jahre Renten verweigert. Die Bundesregierungen ließen sich bis 2002 Zeit, Deserteure zu rehabilitieren. Wer sich jedoch den PartisanInnen anschloss, bleibt als “Kriegsverräter” von der Rehabilitation ausgeschlossen. Auf die Seite der gegen den Nationalsozialismus Kämpfenden zu wechseln, gilt weiter als Straftatbestand.

Zuerst veröffentlicht auf resistenza.de

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